Die Flucht [07]          
    'Ich kontrolliere dich und du kannst nichts dagegen machen.' Ich weiss nicht, warum ich das sage. 'Ich bin die Stimme in deinem Kopf.' Mein Kopf blutet heftig und ich versuche, aufzustehen. Ich muss ins Krankenhaus. Die kleine Schlampe ist schon weg. Wer weiss, was sie mitgenommen hat. Ich hoffe nicht, meine gesammelten Werke. Mir wird schwarz vor Augen. Ich muss mich wieder hinsetzen. Das Blut sehe ich nicht. Der Typ, der uns hergefahren hat, ist voll damit. Instinktiv weiss ich, dass es nicht sein Blut ist, und dass er mit der ganzen Sache nichts zu tun hat. Obwohl er mir hätte helfen können. Ich richte mich wieder auf und gehe auf die dunkle Stelle in der Wand zu. Ich nehme an, es ist die Tür. Es dauert Stunden, bis ich da bin. Hinter mir bewegt sich was. Der Typ kommt zu sich. Vielleicht kann er mir helfen, ein Taxi zu rufen. Lieber wäre ich jetzt allein. 'Ich bin die Stimmen in deinem KOPF.' Ich spreche kein Deutsch mehr. Meine Mutter ist als Bauchtänzerin in dieses Land gekommen und ich besitze keine Sprache. Der Junge sieht mich erstaunt an. Hat er mich denken gehört? Er sagt nichts, nur scheisse, und hilft mir nach draussen und die Treppen runter. Ich glaube, er winkt ein Taxi. Ich glaube, wir fahren ins Krankenhaus. Ich glaube, er fasst mir in den Schritt. Wir halten an, es ist kalt und drin ist es zu hell, zu voll. Er stützt mich und wir gehen rein. Die Rezeption ist majestätisch gross, bunte Lichter blinken überall, doch armselige Menschen in Bandagen säumen unseren Weg, zu laut. Den Rest kann er erzählen.

Von allem existieren viel zu viele Versionen, als dass man anfangen wollte, davon zu berichten. In der Nacht bin ich fast draufgegangen, aber ich bin mir sicher, dass wir vorher noch Sex hatten. Park liess sich nichts entgehen. Und dann ist er eingeschlafen. Während ich mich mit dieser Braut rumärgern musste. Ich wusste damals nicht, was ich mir eingehandelt hatte. Er war hochgradig suizidal. Er war apathisch. Ausser, wenn er Drogen wollte. Meist war er auf irgendwelchen Psychopharmaka, was er nicht zugab. Ich hatte ihn über seine Freundin kennengelernt. Sie hatte ich zuerst gesehen. Sein Sinn war nicht nach Frauen. Er wollte seinen Weltschmerz in ein williges Opfer kratzen. Sie schmiss uns beide raus. Als wir uns wiedersahen, kurz darauf, freute er sich, und blieb an mir und Jesse den ganzen Abend kleben. Jesse ging dann, sie konnte ihn nicht ab. Vielleicht war sie eifersüchtig. Ich unterstelle das den Leuten immer gerne. Dann tauchte diese kleine Votze auf, und ich strandete mit ihr und Park in der Wohnung eines Freundes. Sie haute ab, aber Park blieb mir erhalten. Ich denke inzwischen, ich hatte Halluzinationen, weil ich soviel Blut verloren hatte, denn der Sex mit Park war richtig gut. Intensiv. Ich stehe sonst nicht auf Typen. Aber das behauptet Park von sich auch. Und seht, wo es uns hingeführt hat. Ich dachte, ich würde sterben, als ich abspritzte. Ich würde irgendwo runterfallen, in einen Schacht, das war der Blutdruck. Doch dann wurde Park ohnmächtig, und ich wusste, ich muss ins Krankenhaus. Wir waren kein schöner Anblick. Wir beide voll mit meinen Säften in dieser Wohnung. Die Ärztin sagte später, es war knapp. Ich war noch eine Woche drauf von den Schmerzmitteln. Wir hatten das ambulant erledigt. Sie wollten mich dabeibehalten, aber ich hatte Angst vor einem Bluttest. Keine Ahnung, warum. Ich habe immer Angst vor Bluttests. Oder vor genetischer Durchleuchtung. Das liegt am Jahrhundert. Park hat mich dann gepflegt. Damit ich in seiner Schuld stehe. Ich durfte ihn die Jahre danach pflegen. Seine Macken. Seine Ängste. Seine Unsicherheiten. Ich bin dageblieben. Obwohl ich es vorhatte... Eigentlich wollte ich schon längst wegsein.

Die Idee, abzuhauen, hatten wir schon lang. Bodice hatte zwei Leute auf dem Gewissen und ich war in finanziellen Schwierigkeiten. Meine Eltern durften nicht wissen, was los ist. Ich fand es romantisch, Bodice zu decken, weil er sich um mich kümmerte, er war, auf seine Art, ein guter Freund. Ich meine, er war da, meistens. Ich war nicht immer für ihn da. Manchmal musste ich abtauchen, aber ich fand ihn immer wieder, wenn ich ihn suchte. Das amüsierte ihn. Phrasen, die ich liebte, wie, 'Die Suche ist das Ziel' kamen gerne aus seinem Mund, vor allem wenn andere dabei waren, natürlich, um mich zu blamieren, oder mir zu signalisieren, ohne mich bist du nichts, mit dir kann sowieso niemand. Aber eigentlich traf das auf ihn zu, er kannte zwar eine Menge Leute, doch er war immer auf dem Sprung, auf der Durchreise, liess niemand an sich ran. Ein Kuriosum, für sich genommen, ein verdammt einsames. Ich zog bei ihm ein, um vom meiner Mutter loszukommen, ihr Alkoholismus schlug noch versteckt aber immer gemeiner zu. Wir hatten keine Kohle und hätten bald wie ein altes Ehepaar vor dem Fernseher gelebt, wenn Bodice nicht aufgrund seiner hormonellen Unausgeglichenheit immer wieder auf die Pirsch gegangen wäre. Er beschränkte seine Umtriebe meist auf Autos oder Klos und liess mich in meinem selbst auferlegten Koma auf dem Sofa zurück. Es war eine dieser Nächte, als es mich erwischt hat. Lange schon war nichts mehr passiert. Und dann diese Nacht.

Ich war halbeingeschlafen, im Fernsehen lief eine dieser Serien aus der Zeit, bevor es in Deutschland soaps gab, und ich stellte mir vor, wie ich einen langen Schacht runterfiel, während mir Michael Stipe einen blies. Ich habe immer sexuelle Gedanken vor dem Einschlafen und ich war kurz vor dem täglichen Nirwana. Auf einmal flackerte etwas vor meinen geschlossenen Augen, ich brauchte eine Weile, um sie aufzukriegen, und starrte dumpf den Bildschirm an. Inzwischen lief ein Film, und eine Hand lag schwer auf meinem Oberschenkel. Ich überlegte mir, ob Bodice hinter mir lag, aber ich traute mich nicht, mich umzudrehen. Ich hatte Angst, dass seine Augen offen sein würden und sein Schnarchen ein ungeduldiges Atmen. Ich fürchtete, dass seine schmalen Augen einen giftigen Strahl in meine Richtung lasern würden, ein bösartiges Aufflackern, eiskalt und berechnend. Also konzentrierte ich mich auf den Fernseher, wo der Musik nach ein Gruselschocker oder ein Thriller lief, bis jetzt noch nicht von Werbung unterbrochen, was die Situation noch gespenstischer machte. Hatten sich selbst die privaten Sender gegen mich verschworen, oder war ich gar bei den Öffentlichen gelandet?

Wie das? In der für mich nachvollziehbaren Geschichte des Films geht eine Krankenschwester in einem mittelalterlichen Krankenhaus mit hohen gewölbeartigen Decken und halbrunden Fenstern in ein offenstehendes Zimmer; sie sieht überrascht oder verängstigt aus, so genau konnte man das bei dieser drittklassigen Schauspielerin nicht sehen, aber vielleicht war sie auch sehr gut, und man sollte nicht merken, was sie denkt, alles sollte offen bleiben bei dieser menschlichen Leerstelle. In diesem Raum jedenfalls trifft sie auf einen Mann, der unter dem Tisch sitzt, alles klar, geschlossene Abteilung, die Patienten dürfen unter den Möbeln liegen, aber die Türen müssen fest verschlossen bleiben. Sie geht wieder raus und schliesst hinter sich zu, dann geht sie ins nächste offene Zimmer [das scheint in dieser Station eine Pest zu sein, keiner macht die Türen zu] wo schon so unheilverheissendes blaues Licht rausfliesst, die Musik fliesst dementsprechend, und jeder denkt, Alte, bleib' draussen, das kann nicht gut gehen. Sie geht rein, tap tap tap, die alte Schlampe trägt natürlich hohe Schuhe, und, oh Schock, sie kommt wieder raus, tap tap tap, ohne, dass was passiert ist, man sieht ihre spröde, vermutlich frigide Gestalt in der Totalen von links nach rechts durchs Bild gehen, in die Zukunft quasi für uns im Westen, und dann - ein Wesen kommt hinter ihr her, gross und weiss. Es sieht aus wie ein geknotetes Taschentuchmännchen, aber es ist grösser als sie, und es hält eine riesige Gartenschere in seinen Extremitäten, womit es ihren Kopf abtrennt. Alles in der Totalen.

Ich zuckte total zusammen. Bodice hinter mir schrie auf, ich hatte ihm wohl in die Eier getreten. Das Taschentuchmännchen, das sich als das Absolut Böse herausstellt, trauriger Rest von Linda Blairs anfänglichem aknegesichtigen Dämonen Pazulu, war dann noch ein paar Minuten kopflos in einer gottlosen Geste mit blutverschmiertem Latz zu sehen. Der Film ging ähnlich dekadent weiter, wovon ich nichts mitkriegte, weil Bodice versuchte, mich mit einem Kissen zu ersticken. Er war ziemlich sauer und brüllte, ich hätte ihn entmannt. Als könnte man sowas wie ihn entmannen. Ich aber hatte ein ernstliches Problem. Tatsächlich konnte ich nicht mehr aufhören zu zittern und die restliche Nacht war schlaffrei. Ich hörte Stimmen, Bodices Schnarchen wurde zu einer gemeinen Bedrohung meiner geistigen Gesundheit, und ich hörte mir übelwollende Botschaften in jedem vorbeifahrenden Auto. Ein Knistern in meinem rechten Ohr erinnerte mich daran, dass ich noch nicht im Vakuum des Alls schwebte, dieses jedoch mit mir Kontakt aufgenommen hatte. Signale waberten in meinen Augenwinkeln und ich konnte noch mindestens eine Woche nicht aufs Klo gehen, ohne hinter mich zu sehen, wenn ich in den fensterlosen Raum trat. Immer wähnte ich dieses Taschentuchmännchen hinter mir, ein Monster, das durch jedes Schlüsseloch, durch jeden Spalt passte, mit einer rostigen Gartenschere in der Hand. An den Teufel glaubte ich nicht ['es gibt nur den Allmächtigen Jesus und der hat Hörner', wie Mircella immer zu sagen pflegte], auch nicht an das Personifizierte Böse, aber es hatte mich gepackt. Mutter Angst, grösste unter den lähmenden Musen, hat mich angelächelt und mir viel Spass für die kommenden Monate gewünscht. Es hat dann tatsächlich eine ganze Weile gedauert, bis diese absurde Ausgeburt eines zerstörten Drehbuchschreiberhirns meinen Biorhythmus verliess und andere Leute plagte. Irgendetwas hatte es in mir angeregt, eine Urangst, die nichts mit dem Thema des Exorzisten Teil III zu tun hatte, aber von ihm, vielleicht unwissentlich, transportiert wurde, direkt in meine Synapsen. Das hätten sich die Macher dieses Werks wahrscheinlich nicht träumen lassen. Meine Ruhe war erstmal hin. Was seit der Kindheit sorgfältig unter Verschluss gehalten wurde, entkam nun mit einem kleinen plop und vergiftete die Atmosphäre. Bodice verstand mich voll und ganz und versteckte den billigen Wodka und das Gras, damit ich mich wieder unter Kontrolle bringen konnte. Dann verlor er die Kontrolle über sich, und wir mussten weiter.

III Schlüsselblumen:
Ihre Eltern hatten ein Haus auf dem Land, also fuhren wir hin, um uns ein paar Tage Urlaub zu gönnen und unsere schal schmeckende Beziehung zu zementieren. Die Fahrt dauerte sieben Stunden, sieben Stunden wortloses Gezeter und drei schweigende Stops an Auto- bahnraststätten, wo wir die Preise für Kaffee und Klobenutzung verglichen. Der Süden versprach uns bessere Luft und Ruhe, göttliche dahinfliessende Ruhe und ein stilles altes Haus. Wir fanden den Schuppen auf Anhieb, obwohl sie schon seit fünfzehn Jahren nicht mehr dagewesen war, und richteten uns sofort häuslich ein. Dann fuhren wir ins nächste Dorf, um uns mit Essen und sanitären Vorrichtungen einzudecken. Den Rest hatten wir mitgebracht. Das Haus war riesig, es war dunkel und kalt. Wir heizten wie wild, was nichts brachte, und zogen uns schliesslich aus der Not heraus in das bäuerliche Schlafzimmer zurück direkt über der guten Stube. Die wurmstichigen Holzmöbel waren in einer befremdlichen Art verbogen und standen überall herum in dem kleinen Raum, der von zwei Fensterfronten durchzogen war. Es war so dunkel draussen, dass das glänzende Glas unsere Abbilder zurück in unsere Gesichter warf und wir uns wie in einem Spiegelsaal vorkamen, wären da nicht die eigentümlichen Möbel und der dumpfe Geruch des Bettzeugs gewesen.

Ich fühlte mich gut, ich war auf der Höhe meiner sporadischen Energieausschüttungen, und begann, unter der tonnenschweren Bettdecke, an ihr rumzumachen. Sie liess mich gewähren, leicht abwesend nippte sie an ihrem Wein und starrte die Spiegel an. Ich murmelte was von Feng Shui, um meine Aktivitäten nicht wie Sex aussehen zu lassen, und fingerte ihr zwischen den Beinen rum. Irgendwann mal erreichte ich den Punkt, von wo aus es kein Zurück mehr gibt, und rollte mich auf sie drauf. Sie war weich geworden, vielleicht war sie eingeschlafen, aber sie machte diese leisen Geräusche, die sie normalerweise für Hundebabies oder kleine Marijuanapflanzen reserviert hatte, schüchterne Schuschu-Laute, die man bei einer Frau ihres Kalibers nicht erwartet hätte. Ich versuchte, in sie einzudringen, was nicht einfach war, unter der Last des Bettzeugs und der moralischen Verpflichtung, in die ich mich mal wieder begab. Sie half mir mit ungeschickten Bewegungen, ihr eingerosteter Körper wand sich in abgehacktem Rhythmus. Ich glaube, sie hatte Schmerzen, aber davon sagte sie mir natürlich nichts. Nach ein paar Minuten fiel mir auf, wo zumindest bei mir das Problem lag: ich war völlig nüchtern. Wann hatten wir das letzte Mal gevögelt, ohne dass ich breit war? Wann hatte ich das letzte Mal gemerkt, was ich tue, bevor es vorbei war? Der Schock dieser Erkenntnis traf mich unvermittelt wie eine Nadel in die Mitte der Stirn, aber ich konnte meine Erektion halten, und stellte mir vor, was Bodice wohl in dieser Situation machen würde. Er würde jedenfalls nicht aufgeben, so viel war sicher. Mircella flüsterte irgendwas Unverständliches und errettete mich eine Sekunde lang aus meinen Überlegungen. Es würde schon funktionieren, ich atmete tief ein, beugte mich nach unten und biss ihr in den Hals.

Dann liess ich die Decken Decken sein ungeachtet ihrer erdrückenden ethischen Implikationen [wieviele Söhne waren hier schon gezeugt worden, um später mal den Hof zu übernehmen, die dann doch in die Stadt auszuwanderten und analretardierte Künstler wurden?] und spielte das Spiel, auf und ab, meinem Atem gleich, wenn mir nach einem Zug zuviel schlecht ist und ich zu gelähmt bin, um mich zu bewegen. Es klappte. Mircella bekam einen ihrer gefürchteten Orgasmen und liess ihre Augen an den Rand des harten, grossen Kissens rollen. Ich bildete mir ein, dass es mir genausoviel Spass machte wie sonst, bis mir auffiel, dass mein Mund voll mit Blut war. Ich hatte wohl zu fest zugebissen, oder ich hatte vergessen, loszulassen. In dem Moment platzte was hinter meinen Brauen, nicht im Bauch, wo es für gewöhnlich platzen sollte, und ich fiel nach unten, den berühmten Schacht hinunter, an dessen Ende Michael Stipe und Anthony Perkins standen und mit hochgezogenen Schultern und einem dünnen Lächeln auf den Lippen mich willkommen hiessen. Sie zeigten auf eine kleine Tür, eher eine Klappe hinter ihnen, und ich robbte mich hin, zwängte mich durch, es wurde kühl. Mircella lag regungslos in meinem rechten Arm, ich befürchtete kurz, ich hätte ihr die Halsschlagader in bester Manier durchgebissen, aber dann sah ich die zwei Flaschen Wein auf dem Boden liegen und suchte den Grund nicht mehr länger bei mir. Sie hatte ihren Spass gehabt, jetzt würde ich meinen haben. Ich hatte nichts gegen ihr Stöhnen oder ihre unregelmässigen Bewegungen, doch nach dieser Zeit der Stille war mir mehr nach unkommentierter Schänderei, und ich wechselte das Kondom und ging meinen weiten Weg weiter, so weit, wie ich gehen konnte.

Es war wie mit den Drogen, ich hatte kein Mass, und ich hatte keine Lust, mich in Reflektion oder gar Kommunikation zu ergehen. Dieser ständige, nahe am Wahnsinn vorbeireitende Akt hatte etwas Kathartisches. Mircella war schon weit entfernt, sie war weggegangen, und ich ging ihr hinterher, in der Hoffnung, ein Zeichen von ihr in ihr drin zu entdecken, eine kleine Regung, die mich vergessen lassen würde, wer ich bin und was die Schatten zwischen den Fenstern hinter meinem Rücken machten. Ein verzerrtes Gesicht, eine höhnende Fratze, guckte mir über die linke Schulter und drückte mich in sie hinein. Sie würde mich heute nicht kriegen, genausowenig wie der alte Mann mit den feuchten Augen und das riesige Taschentuch. Die Angst trieb mich zu Höchstleistungen, ich schwamm in einer Pfütze aus Schweiss und zerrissenen Gummis, so kam es mir vor, und in meinen Augenwinkeln flackerte wieder etwas, die Erschöpfung, das Andere, das mutmasslich Andere. Aber das lag ja eigentlich unter mir in der Missionarinnenstellung und stellte sich tot. Im Grunde jedoch war es überall um mich herum, es bedeckte mich, es füllte mich aus, ich atmete seinen Atem. Mit einem letzten spastischen Seufzen riss ich mich raus und liess mich daneben fallen, meine Stirn im Angesicht des letzten Schreckens, der in der Luft lag, unsichtbar, doch wohl fühlbar.

Ein Mann stand am Bettende und sah mich eindringlich an. Er wirkte gleichzeitig ruhig und energiegeladen und machte eine kreiselnde Handbewegung. Seine Lippen bewegten sich nicht, dennoch konnte ich hören, was er sagte. «Die Membran», sagte er, «die Membran ist nah.» Ich fühlte, wie er meinen Blick hielt, irgendeine teuflische Macht, die mir in der Blase hing, nagelte mich ans Bett und ich musste ihn ansehen, ihm zuhören. Seine Hand kreiselte weiter, schneller und schneller, bis sie vor meinen Augen verschwamm, wie das Licht um seinen Körper zerfloss. Das ist richtig. Er leuchtete. Es war zu grausam. Ich merkte auf einmal, wie dringend ich pissen musste, und begann, mich aus meiner gekreuzigten Haltung zu befreien, indem ich nach unten rutschte, obwohl ich mich eigentlich aufrichten wollte, was mir aber durch ein unsichtbares Brett über dem Kopf schwer gemacht wurde. Ich glitt weiter nach unten, auf ihn zu, und er beugte sich runter, seine Hand eine verschmierte Stelle in meiner Wahrnehmung. Er faselte immer noch was von der Membran, die gleichen Worte, sein Gesicht kam näher. Ich drehte mich plötzlich um, natürlich gegen meinen Willen, und spürte etwas Kaltes die Wirbelsäule runtergleiten bis zum Steissbein. Die Membran, Junge, die Membran. Sie zerbarst. Meine liebevolle Jungfräulichkeit zerbrach unter dem Metall, ein Schwall Pisse ergoss sich über das gebogene Bett und Mircella.

Ich weiss nicht, ob ich aufschrie, ob ich irgendein Geräusch machte. Blut schoss mir in den Kopf und ich spiesste mich selbst in das Jahrhunderte alte Totenbett von Alois, dem Zimmermann. Als er fertig war, deckte er mich zu und ging raus. Das nehme ich an. Die Tür stand offen am nächsten Morgen, und alles stank nach Pisse. Mircella, die angeblich nichts mitgekriegt hatte, behauptete, es würde nach metallischem Rauch riechen, was ihre Metapher für Sperma war und grundsätzlich mit einem zarten Widerwillen in iher Stimme einherging. Sie beschwerte sich nicht, aber ich wusste, dass sie Schmerzen beim Pinkeln und Sitzen hatte, doch sie verzichtete nicht auf ihre zu engen Jeans, und ich war zu abgelenkt, um auf meinen vermeintlichen Rekord in dieser Nacht stolz zu sein.

Alois machte sich rar die nächsten Tage, es war wohl nur ein Willkommensnümmerchen mit der überübernächsten Generation gewesen, das er sich geleistet hatte, und die, wie wir wissen, ist ja äusserst permissiv. Und obwohl ich mir vorkam, wie in einem Anne Rice-Roman, fühlte ich mich geistig stabil genug, um niemandem gegenüber zu erwähnen, was ich erlebt hatte. Lediglich bei Bodice rutschte es mir einmal heraus, er hielt es typischerweise für einen fabelhaften Traum, der sofort seine Phantasie beflügelte, und der ihn die Tage darauf in der Nähe meines Körpers mit Waffen und Duschschläuchen hantieren liess. So hatte alles seine Kontinuität, nie hörte etwas auf, alles setzte sich in endlosen Spiralen, in verschwimmenden Kreiseln fort, ausser die Beziehung zu Mircella, die nach dem zementierenden Allgäubesuch endgültig die Ophelianummer schob. Mein Leiden, mein nichtendenwollendes Selbstmitleid, das wie verschmiertes Augenmakeup in den Tränensäcken hing, fokussierte sich ähnlich wenig, sondern schlich in konzentrischen Kreisen mal näher mal ferner um meine Person und manifestierte sich in dem Gral, der mir so schön auf anal hinterhältige Weise vorgeführt wurde. Die Membran zu sehen, zu durchbrechen oder zumindest durchzublinzeln, gelobte ich mir, und dafür war mir jedes Mittel recht. Sei es Bodice, sei es der Zug zuviel, eine von Mircellas dämlichen Freundinnen oder das abendliche Fernsehprogramm, alles war mir recht, um in mir den Retter zu erblicken, den Messias, der mich vor mir selbst schützt. Und Schutz würde ich bald brauchen.

Wir fuhren wir die Besessenen, als wären Dämonen hinter uns her. Das war wahrscheinlich auch der Fall, und schon bald hatten wir das Land des Stiefels, wo sich goldener Zweig und Hirschmutant in der Sonne zublinzeln, hinter uns. Bodice hatte nichts Besseres zu tun, als unsere Motorhaube gen Allgäu zu richten, direkt ins Raum-Zeit-Kontinuum meines ersten ernsthaften Ausfalls, um, wie er es nannte, mein Incubus-Trauma nachzuspielen, um an die «Grenze, du weisst schon die, äh... Membran, hehehe» zu gelangen. Ein kleiner, süsser Einlauf in den Arsch meiner verschollenen Vergangenheit, die noch solange nicht her war und meinetwegen in dem fauligen Gedärm meines Hirns hätte weiter Blasen schlagen können. Kein süffisantes Detail meiner Niederlage war vor ihm sicher, mein Gedächtnisschwund in diesen Dingen machte ihn eher geiler und er frohlockte in der Erwartung meiner nächsten Anfälle. Ich hasste ihn, aber ich war so abhängig. Ich konnte das Auto nicht mehr fahren, weil ich auf der offenen Strasse Schweissausbrüche und kurze Episoden heftiger Kurzsichtigkeit erlebte, und so begnügte ich mich, unter den amüsierten Blicken des Personals an Tankstellen die Bravo zu erstehen, und sie ihm während der Fahrt von vorne bis hinten vorzulesen. Nicht einmal die Fotolovestory liess ich aus. Bodice schmunzelte und meinte, dass das in unserem Alter nur noch Frauen mit einem Hang zur Pädophilie interessieren würde, er nannte mich altes Weib, ich sei von existentieller Angst vor Unterleibszellulitis [ekligster Zustand überhaupt] geblendet, aber meine Informationen aus dem Reich der Jungen und Hässlichen interessierten ihn trotzdem, und bei manch einer Meldung aus der Abteilung das-Dr.-Sommer-Team-beantwortet-eure-ungeschriebenen-Briefe rutschten wir in ernsthafte Diskussionen über Schwanzlängen und So-war's-bei-mir. Er tat alles, um meine Gedanken von der bevorstehenden Psychokrise zu nehmen, die er wohl eingefädelt und antizipiert hatte, auf die er aber nicht wirklich vorbereitet war, oder sein konnte, wäre er jemals auf irgendwas vorbereitet gewesen.