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Es gibt immer manche, die es brauchen und manche, die es nicht brauchen. Es könnte sein, Irgendetwas. Sweet dreams are made of this. Sex oder Drogen, meistens. Alkohol, Gewalt, gestörte Beziehungen oder irgendwelche von den anderen Dingen, die einen auf Dauer verrückt machen. Kommt am Ende sowieso alles auf's selbe raus: anstatt sauber zu bleiben, nicht auf die Ritzen im Pflaster zu treten, muss man hinab, den Dämonen einem Besuch abstatten und stirbt dann bestenfalls, äusserlich völlig aus der Form geraten, vor der Oprah Winfrey Show im Fernsehen und schlechtestenfalls wird man zerhackt und im Wald vergraben, wobei man natürlich auch keine gute Figur abgibt. Mit dem Tod gegen das Leben kokettieren, das war unser Plan. Ich glaube, ich bin so eine, die das braucht. Sarah ist auf jeden Fall auch so eine, Lena ist einfach bloss eine arme Irre, Gina weiss nicht, was sie braucht und ist deshalb so verdammt gierig und bei Franzi kann man sich nie sicher sein.
Franzi ist von uns die Jüngste, da sie aber so ein leichtes Gewichtsproblem hat, nützt ihr das auch nicht viel. Fett ist sie zwar nicht gerade, aber ein ausgehungerter Kannibale aus dem Dschungel Borneos würde in Franzi wohl eine appetitliche Mahlzeit sehen, wohingegen er Gina eher verschmähen würde.
Franzi wollte wirklich gerne unsere Freundin sein und hat auch jede Menge dafür getan. Sie ist aus irgendsoeinem Kaff erst vor zwei oder drei Jahren in die Stadt gekommen und hatte sich wohl vorgestellt, alle wären ganz wild drauf, ihre Bekanntschaft zu machen. Also war sie immer traurig und alleine und hat sich dann irgendwie an uns drangehängt. Da ihr Vater ein Autohaus hat, schiebt er jeden Monat jede Menge Kohle rüber und Franzi kauft Champagner und Drogen für uns und deshalb haben wir sie ein bisschen unter unsere Fittiche genommen und geben ihr den ein oder anderen Tip. Gina ist die einzige, die manchmal wirklich fies zu ihr ist. 'Steck dir doch endlich den Finger in Hals', sagt sie dann zu Franzi, 'dann hätten wir alle ein Image-Problem weniger.' Natürlich lachen wir uns dann jedesmal fast tot, denn es ist wirklich zu komisch, wie Franzi sich jedesmal aufregt und sagt, Essstörungen wären ein schwerwiegendes gesellschaftliches Problem oder so. Gina sagt dann natürlich, dass die einzige, die eine Essstörung hat, Franzi selber ist, weil sie sich nämlich dauernd was zu essen in die Fresse schieben muss. Franzi ist dann jedesmal ganz ausser sich und sagt, sie versteht gar nicht, wie wir alle so gemein zu ihr sein können, wo sie doch alles für uns macht und das einzige, was sie sich wünscht, ein bisschen Unterstützung ist. Worum's im Leben geht, davon hat sie jedenfalls keinen Schimmer. 'Wirst es schon noch mitkriegen', hab' ich zu ihr gesagt und kam mir vor wie das Orakel von Delphi , 'irgendwann kommt dann die Zeit, wo du dich fragen muss: Willst du das Aschenputtel sein oder eine von den bösen Stiefschwestern?' Darauf sie: 'Aber das Aschenputtel hat doch den Prinzen gekriegt?'. Wenn ich eins echt hasse, dann sind das Leute, die Metaphern wörtlich nehmen.
Vor ein paar Monaten hatte sich Franzi sogar einen Typen an Land gezogen. Architekturstudent glaube ich, war jedenfalls noch ziemlich jung und sah aus wie so eine Britpop-Schwuchtel. Mit Ponyfrise und Sportjacke. Und obwohl Gina sich echt zurückgehalten hat, weil sie nämlich meint, dass die Löcher in den Schuhen bei Jungs umgekehrt proportional zur Schwanzgrösse stehen, kam der Ärger diesmal aus einer ganz anderen Richtung. So jung und runtergekommen wie er war, hat er Sarah wohl an wen erinnert und sie hat ihm ihre ganze traurige und extrem glamouröse Lebensgeschichte reingedrückt und wie toll sie sich wieder aufgerappelt hätte bla bla bla. Woraufhin er angemessen beindruckt war.
Es hat mich ein Stück harte Arbeit gekostet, Franzi danach beizubringen, dass Mädchenfreunschaften etwas viel wertvolleres sind als Männer, die ja überall herumlaufen. Und Sarah hatte ja dann schon ihren Theo und hat Franzi klargemacht, dass das wirklich nichts zu bedeuten hatte und sie bloss froh sein soll, den Arsch loszusein, 'ausserdem war er scheisse im Bett.' Franzi hat das dann, glaube ich, ganz gut verwunden und was hätte sie auch anderes machen sollen? Mein Motto ist wie gesagt: jeder wie er's braucht. Ruckediguu, Blut ist im Schuh.
Im Moment brauchen wir jedenfalls alle dringend ein weiteres Taxi, denn es schneit immer noch und das erste hat uns natürlich rausgeschmissen, nachdem Jost seine blöde Show abgezogen hat. Ist gleich mit brennender Kippe eingestiegen, hat Asche über das ganze Amaturenbrett verteilt, irgendwas unverständliches genuschelt und schliesslich ein paar von den Pillen, die er sich natürlich mit seinen habgierigen kleinen Fingern gleich gekrallt hatte, vorgeholt und versucht, sie dem Taxifahrer, quasi als Fahrpreis, anzudrehen. Dass das nicht klappt, war klar, denn der Fahrer war nicht jung, nicht mal Türke, sondern Deutscher, Typ: Familienvater und Pils-Pub-Hänger. Ganz abgesehen davon, hätte Jost das sonst auch nicht gemacht, weil er, was Drogen angeht, ziemlich geizig ist. Er wollte den Mädels nur mal vorführen, was er für ein toller, abgefahrener Typ ist und hat den Taxifahrer deshalb auch gleich als Arschloch und Spiesser beschimpft.
'Von ihnen muss ick mir det nich jefallen lassen! Von ihnen nich!'
Von ihnen nich, ha ha ha, wird immer wieder nachgeäfft. Jost bepisst sich fast vor lachen und ich würde ihm am liebsten seine beschissenen Eier abschneiden, meine Manolo Blahniks sind nämlich aus Wildleder und es schneit, wie gesagt.
Weil das sobald nicht mehr wird, gehen wir erst mal alle in die nächste Kneipe und Jost erinnert sich dran, dass er's schick findet, den Proll raushängen zu lassen und bestellt Currywurst und Korn für alle. Das kommt schlecht an bei Gina, die nach allgemeiner Schätzung seit '92 keine feste Nahrung mehr zu sich genommen hat. Sie drückt ihre Zigarette gleich auf dem Pappteller aus, mitten im Ketchup und sagt - Seitenblick auf Franzi - dass sie garnicht verstehen kann, wie man sich mit so einer Scheisse vollstopfen kann. Jost und Sebastian kleckern sich Sosse auf die Jackets und Sebastian sagt, wenn er eins nicht ausstehen kann, dann sind das zickige Weiber, die nur Salat essen und Jost stimmt ihm zu. So kann Lena wieder Punkten und sie drückt Gina unterm Tisch ihr Pack in die Hand und verschwindet auf'm Klo - Nase pudern - und sie zwinkert Jost zu und er verdreht die Augen als sie weg ist. Lena macht ihm dann schnell klar, dass sie hier diejenige mit den Drogen- und DJ-Connections ist und Gina zwar eine Freundin und auch ganz nett anzusehen, aber eben leider einige charakterliche Schwachstellen aufzuweisen hat.
Franzi himmelt diesen Sebastian an wie nichts Gutes. Er scheint irgendsoeine Art Fotograf zu sein und Franzi findet das alles wahnsinnig interessant und es ist ihr auch nicht zu blöd, zu erzählen, dass sie der ein oder anderen kreativen Stimmung zuweilen nicht abgeneigt ist. Selbstverwirklichung ist was für Vollidioten. Gina und Sarah bestellen Kaffee und etablieren einen konspirativen Zirkel am Nebentisch, wohin ich mich natürlich gerne geselle und ich denke, der Wurstbrater steht auf mich, jedenfalls guckt er so und Gina und Sarah lästern über Jost und Sebastian und Lena und Franzi, die wirklich keine Würde haben und ohne Männer macht ein Mädelabend viel mehr Spass.
Der Wurstbrater bringt mehr Schnaps und die Frauenbewegung ist am Ende, wenn wir nämlich in eine Kneipe wie diese gehen können und uns vollaufen lassen, ohne von allen anwesenden Männern brutal in sämtliche Körperöffnungen vergewaltigt zu werden, dann sind wir doch schon weit gekommen.
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