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Wir waren um neun Uhr verabredet. Wie immer kam er zwei Stunden später. Zwei Freundinnen hatten mir inzwischen mit ihrer Sprachlosigkeit die Zeit vertrieben. Er wirkte gehetzt und nüchtern und steuerte, bevor er mich begrüsste, die Bar an. Zwei Minuten später stand er neben mir und fing an, die Vorgänge auf der Tanzfläche zu kommentieren, ohne mich dabei anzusehen. Der Abend begann, wie so viele Abende zuvor: zwei Jungs auf der Suche nach etwas finden sich selbst, und nur sich selbst. Nachdem sich Bodice zwanzig Minuten über die tanzenden Frauen beschwert hatte, verliessen wir den Laden und gingen zum nächsten. Wir hatten Erwartungen und die mussten enttäuscht werden, frei nach Bodices Motto, dass man das, was man wirklich will, nicht bekommen kann. Man müsse so tun, als wolle man die entsprechende Sache nicht, Verlangen dürfe nicht gezeigt werden. Also tat er alles, um sein Verlangen nach Sex zu verbergen. Kein Mensch würde glauben, dass dieser unfreundliche, autistisch wirkende junge Mann an der Bar auf Kommunikation aus war. Bodice hingegen war der Meinung, dass die fleischliche Art des Austausches keinerlei Worte bedurfte und lediglich durch Blickkontakt eingeleitet werden konnte. So sass er denn auf seinem Barhocker, Bauch auf den Schenkeln, den Kopf locker schläfrig in eine Hand gelegt, und starrte gen Tanzfläche. Er ignorierte seine unmittelbare Umgebung, also mich, und konzentrierte sich ganz auf höchstens zwei oder drei leichtbekleidete Geschöpfe, bei denen für ihn die grösste Chance darin bestand, sie auf dem Weg zum Klo anzurempeln und mit ihren Freunden und Beschützern eine Schlägerei vom Zaun zu brechen. Einer dieser lustigen Abende. Ich ging voller Vorfreude aufs Klo und las dort alle sich versammelnden Flyer für die nächsten Wochenenden. Als ich zurückkam, traute ich meinen Augen nicht [und denen ist wahrlich oft nicht zu trauen]. Eine Frau, Zeit und Ort entsprechend gekleidet, sass ihm gegenüber auf dem Barhocker, ihm zugewandt. Und er redete tatsächlich mit ihr, zumindest bewegten sich seine Lippen. Er lächelte....
Benommen setzte ich mich ein paar Meter weiter hinten an die Bar und beobachtete das Spektakel aus der Ferne. Sie lächelte zurück. Sie strich sich durch die Haare, etwas nervös, etwas aufgekratzt [ja, wenn du wüsstest, mein Kind...], zappelte auf ihrem Barhocker rum. Nein, öffentlich mit ihm rummachen wollte sie nicht. Aber als sie eine Stunde später zusammen rausgingen, hätte ich gerne ihren Preis gewusst. In Geld oder Drogen? Was soll's, Bodice hatte beides nicht. Dafür hatte ich gesorgt, als ich letzte Woche bei ihm wohnte. Morgens hatte ich deswegen noch eine kleine Panikattacke verspürt, nun war ich froh darüber. Eigentlich war ich darauf angewiesen, wieder bei ihm übernachten zu können, aber er hatte mich vor dem Rausgehen natürlich keines Blickes gewürdigt, wohlwissend, dass ich seinen Triumph ungläubig von weitem verfolgte.
Er ging raus und für mich stellte sich die Frage, wohin diese Nacht. Dies sollte sicherlich kein Problem sein, ich war in einer Disco. Doch Bodices praktische Umsetzung der Quantentheorie von gerade eben verunsicherte mich merklich. Die Welt schien auf den Kopf gedreht, unerklärliche Dinge passierten, ich fühlte den feuchtkalten Wind der Angst vor dem Übersinnlichen meinen Nacken hochklettern. Eine Welt, wo hübsche, relativ nüchterne Mädchen freiwillig mit Bodice vor die Tür gingen, ohne von ihm Drogen zu kaufen, würde für mich keinen Platz haben. Dimensionen fielen zusammen, fächelten sich gegeneinander auf, während ich brütend versuchte, meine Saturday-Night-Fever-Kräfte zwecks Aufriss zu mobilisieren. Ich war wenig erfolgreich, vielleicht etwas zu unkonzentriert, als Bodice wieder allein zurückkam und siegessicher lächelte. Es schüttelte mich innerlich. Ich konnte es ihm ansehen, als er näher kam.
Er pfiff, 'Wow, war das eine Hexe.' Als eifriger Leser von Verschwörungstheorienliteratur wusste ich, was der Bastard meinte. Ich war empört.
'Das kann doch nicht wahr sein. Mein Gott, ist die Frau verrückt? Amnesie? Guck dich doch an. Mein Gott...' Er sah wirklich gut aus. Sein Hemd war fleckiger als heute Morgen und es fehlte ein weiterer Knopf. Sein Hosenladen stand halb offen, was nichts mit der Geschichte von eben, sondern mit einem kaputten Reissverschluss zu tun hatte. Seine Haut glänzte selbst auf den Händen und die Haare standen wild vom Kopf ab. Nicht cool, nur kraus. Unfrisiert.
'Du siehst total scheisse aus. Jesus, die Zeit ist gekommen. LoFi in allen Bereichen. Ich kann es nicht glauben.' Er grinste natürlich nur. Dann drehte sich dieses Arsch um und bestellte zwei Gläser Sekt.
'Komm, Park, jetzt hab mal'n bisschen Spass.' Und als er den Mund aufmachte, hing ein Stück Tomate zwischen seinen Zähnen. Ich ging ihm an die Gurgel, ich versuchte es jedenfalls. Aber er reagierte schnell und drückte mich mit eisernem Arm an den Tresen zurück.
'Liebling, wir sehen uns.' Und er war draussen. Neben mir lag der Schlüssel zu seiner Wohnung. Ich hatte nicht gemerkt, wie er ihn hingelegt hatte. Wahrscheinlich teleportiert.
Den ganzen Nachhauseweg fluchte ich. Taxifahrer wurden nicht langsamer, wenn sie an mir vorbeifuhren, Passanten gingen mir aus dem Weg. In der Wohnung angekommen verfluchte ich mich, weil ich sämtliche Vorräte verbraucht hatte. Selbst Essen war aus. Alles Essbare, zumindest. Bodices Joghurt-Ensemble war noch da. Ich legte mich dahin, wo ich die letzten 30 Stunden verbracht hatte, auf die Couch vor dem Fernseher, und bildete mir ein, dass ich einschlief. Trotz der vielen beruhigenden Biere in meinem Blut und in der Blase tat sich nichts. Ich wartete auf das Klingeln an der Tür, das Klingeln des Telefons, darauf, dass MTV Amour endlich aufhörte. Es tat sich nichts. In einem Teufelskreis von betrunkener Schlaftrunkenheit, schaukelnden Bauchmuskulaturen auf dem Bildschirm und einer von weitem herreitenden Depression mit langen fliegenden Haaren gefangen, verfiel ich in eine Art körperlicher Lähmung, die bis zum nächsten Morgen anhielt. Dann war die lange Amour-Nacht vorbei, Bodices Bett noch immer leer, der Anrufbeantworter von mir telekinetisch zerstört und ich konnte endlich pissen gehen.
IV
Dass Kreditkartenbetrüger es jedes Jahr schwerer haben in Deutschland,mussten wir beim Auschecken bemerken. Meine Karte wurde mir mit einem dünnen Lächeln zurück gegeben, und Bodice musste eine aus seiner Sammlung rausrücken. Wann immer ich in eine Situation gerate, in der totale Kontrolle gefordert ist, z.Bsp. wenn ich auf einen Schlag viel Geld kriege oder, so wie jetzt, keines mehr habe, ist meine Taktik, schnellstens in einen Rausch zu verfallen, um das mit der Kontrolle auf den nächsten Tag zu verschieben, um das hässliche, sich selbst verachtende Gesicht der Disziplin für kurze Zeit zu vergessen, im Wissen, dass es viel zu bald wieder auftaucht. In dieser Lage also planten wir, die Reste unseres Bargelds unverzüglich in exotische Substanzen zu stecken, ein schwieriges Unterfangen auf der Autobahn. Wir fuhren die nächste grössere Stadt an. Wir hatten ein Ziel, den Bahnhof, die erste ausformulierte Absicht seit Tagen. Leider kannten wir niemanden in der Stadt gut genug, um dort zu übernachten und unsere sensiblen Gemüter und Nerven freizulegen, deshalb nahmen wir wieder ein Hotelzimmer. Auf dem Weg dorthin besorgten wir uns Geld, was zu trinken, keine Chips, aber Erdnüsse und Comics. Bodice optierte für Teenagermagazine, aber ich war dagegen. Ich erinnerte mich nur zu gut an die Geschichte in der Disco und ihre Folgen. Das Hotel war eines dieser ausserhalb des Zentrums liegenden Familienhotels, wo man Studioapartments mit Kochnischen und lustig bunten Vorhängen und Teppichen mieten kann, alles themenorientiert und anonym. Es gab eine Sauna und einen Spielplatz für Kinder und Eltern in der Lobby. Wir waren fast die einzigen Gäste. Unser Zimmer war im ersten Stock und vom Gang aus sahen wir Stoppelfelder. Der Himmel war grau und es nieselte, doch der Flur war lichtdurchflutet und verstecktes Oberlicht illuminierte das lebendige Muschelmuster auf dem Teppich. Ich wusste, es würde eine fröhliche Nacht werden, ich hatte jetzt schon Halluzinationen. Wir hatten alles, was wir brauchten, sogar Pay-TV.
Essen liessen wir aus und gingen sogleich zu den wichtigen Dingen über. Ich fühlte, wie die Schwere angenehm über mich einbrach, wie ein zeitverzögertes Erdbeben, aber weich und sich meinem Körper anpassend. Bodice lag auf dem Bett gegenüber. Er sah mich gütig an. St. Nikolaus war dagewesen, wir sahen beide danach aus. Das Muster der Überdecken war gewalttätig und blutete über die Bettkanten hinaus. Ich wollte meinen Kopf nicht nach hinten ablegen, weil mir, wie fast immer bei so solchen Gelegenheiten, im Magen unwohl war. Also atmete ich schwer und rhythmisch, nie das Ziel vor den Augen verlierend. Ich wollte sie hinter mir lassen, die irdische Schwere, die Substanz meines Körpers, die mich um so schwerer aufs Bett pinnte, wollte ausbrechen aus der kleinen Kuhle zwischen meinen Augenbrauen, fühlen, wie ich einem Geist aus der Lampe gleich aus dem materiellen Gefäss nach aussen und oben flüchten könnte, mich selbst von oben ansehen... Bodice wimmerte leise. Ich hörte das Geräusch eine Weile, ohne etwas damit anfangen zu können. Dann erinnerte ich mich, dass ich nicht allein war, und öffnete die Augen. Er lag auf dem Rücken, schweratmend auf der Zwillingsüberdecke, und sah wie Jesus selbst leidend nach oben. Seine Arme waren vom Körper weggestreckt und ich wartete darauf, dass sich das Bett in die Vertikale hob und den Gekreuzigten vor meinen Augen hin- und herdrehte wie in einer Schaufensterauslage. Mir war seltsam zumute, Bodice schien es wirklich schlecht zu gehen. Ich robbte zu ihm hinüber, vergass aber, dass wir auf zwei erhöhten Flächen, nämlich Betten lagen, und stürzte nach unten. Ich glaube, bei dieser Gelegenheit verstauchte ich mir das Handgelenk, doch das merkte ich erst zwei Tage später.
Ich weiss nicht mehr, wann ich es zu ihm hin schaffte, die Schwere war zu stark, und die nächsten Stunden sind nicht wirklich fest verankert in meinem Gedächtnis. Linearität fehlt fast gänzlich und die innere Logik des Abends kriege ich nicht mehr zusammen, obwohl sie zu dem Zeitpunkt existierte. Wir waren immer kurz davor, kurz davor, das letzte Geheimnis zu entschlüsseln, kurz davor, alles zu verstehen. Natürlich weiss ich von diesen profunden Gedanken nichts mehr. Mein Zeitgefühl hatte sich etwas verschoben, doch am nächsten Tag gegen Mittag hatte ich mich wieder im Griff, wenn man von Durchfall und leichten Schwindelanfällen mal absieht. Bodice hatte viel mehr genommen als ich und kam erst gegen Abend wieder zu sich. Er bestellte sofort die grosse Fischplatte und Wein zum Abendessen und schluckte eine halbe Dose Vitamin C-Pulver. Er wirkte verwirrt, nicht glücklich, doch gesättigt, so als hätte er die Speisekarte rauf und runter bestellt. Von seinen profunden Einsichten erzählte er mir nichts, aber in der folgenden Nacht, als er im Schneidersitz vor den geöffneten Fenstern sass und mir von seiner Entjungferung erzählte, sah er so gütig wie noch nie aus. Wie ein kleiner mexikanischer Buddha. Das Heroin hatte mich wieder ganz verliebt gemacht.
Wir blieben drei bis fünf Tage in dem Hotel. Irgendwann liess Bodice ein paar Zeitungen hochkommen und sah nach, ob sie uns suchten. Ich glaubte nie wirklich, dass sie auf unserer Spur waren, liess mich aber von seiner Paranoia anstecken. Mein Kopf war aus permanenter Sorge um meine Gesundheit nicht imstande, sich mit so nebensächlichen Dingen, wie Flucht und Ablenkungsmanövern auseinanderzusetzen. Auf Bodice konnte ich nicht zählen. Er benahm sich inzwischen wie ein asozialer Junkie und belästigte mich andauernd. Einmal ging er raus und kam nach ein paar Stunden mit zwanzig geklauten CDs zurück, CDs, die wir nicht hören konnten. Ich konnte nicht glauben, dass er unsere Sicherheit, so prekär sie sich für uns gerade darstellte, für so einen Müll aufs Spiel setzte. Ich nahm zwei der Teile und versuchte, sie im Klo runterzuspülen, wobei ich die ganze Zeit hysterisch schrie. Als es an der Tür klopfte, hatte ich schon ungefähr zehn der CD-Hüllen unter meinen Füssen geknackt und durch den Raum gekickt. Unsere Suite glich einem sandlosen Spielplatz, und Bodice hatte nichts Besseres zu tun, als die Tür zu öffnen.
Mein Opa steht mit triefenden Augen im Zwielicht. Immer, wenn ich durch diesen Gang nach hinten ins Bad gehe, steht er da, als wollte er mir das Licht anmachen, mich am Arm nehmen und durch den kurzen Flur sicher in die angrenzenden Zimmer führen. Manchmal bleibe ich zehn Minuten auf dem Klo, oder eine halbe Stunde, in der Hoffnung, dass er wieder rausgegangen ist, und meiner Oma hilft, das Kaffeegeschirr in die Küche zu tragen. Aber oft steht er immer noch da, mit triefenden Augen und wartet. Auf mich, oder das Ende des Krieges, oder dass seine Kinder endlich etwas Sinnvolles tun. Ich entkomme ihm nicht. Neben dem Klo ist das Bad und gegenüber ist das Schlafzimmer. Auf der anderen Seite ist der Eingang zum Keller, ein paar Stufen in die Kälte. Ich entkomme ihm nicht.
VI
Diesmal hatten wir es nicht mal mit den Kreditkarten versucht. Jetzt suchten sie uns garantiert, vor allem nachdem Bodice diesen dummen Witz mit der alevitischen Befreiungsfront ['Freiheit für die Kopftücher'] an der Tankstelle gemacht hatte und nebenbei ein bisschen Geld mitgehen liess. Der unmittelbare Plan, DER PLAN, war, nach Ungarn oder Polen abzuhauen. Dort waren wir noch nie gewesen, aber dies schien ein Vorhaben so gut wie jedes andere zu sein und wir machten uns auf den Weg.
Passenderweise regnete es in Strömen und passenderweise sass ich am Steuer, zusammengeknickt wie ein unglücklicher Ahab auf der Suche nach dem ultimativen weissen Kopfschmerz, der kurz vor mir, in greifbarer Distanz, flimmerte. Bodice las Karten und war keine Hilfe. Als wir in Bayern ankamen, merkten wir, dass wir falsch waren. Mein Navigator murmelte was von Tschechien und der Schweiz, also hielt ich auf letzteres zu. Die letzten Stunden hatte bei mir das Gefühl bunter Zweidimensionalität hinterlassen. Ich hatte keine Empfindung mehr, wie Raum funktionierte, dass wir uns über festgelegte Einheiten körperlich und in der Zeit, gemessen an unserem geistigen Verfall, bewegten. Im Grunde sassen wir in unserem stationären Faradaykäfig und betrachteten die vorbeiziehende Landschaft, so wie ich es als Kind kannte. Deshalb war es nur ein kleiner Schritt nach Italien, Spanien, Marokko, wohin auch immer. Für mich waren das unvorstellbare Orte, gekennzeichnet durch konspirative Symbole auf den Strassenkarten, auf denen Bodice endlich seinen verdienten Schlaf gefunden hatte. Passlos, wie wir waren, passierten wir diverse Grenzen. Ich hatte keinen Überblick mehr, wo wir waren, und Bodice machte sich einen Spass daraus, die Ortsnamen auf den Schildern rückwärts zu lesen. Gegen Morgen, nach einer Nacht, in der mal wieder nur ich gefahren war, sahen wir das Meer das erste Mal bewusst. Wir fuhren die von grossen Hotels gesäumte Strandpromenade ab und einigten uns auf einen rosafarbigen Palast, der der Jahreszeit entsprechend leer und einladend wirkte.
Ich hatte seit einigen Stunden Halluzinationen in den Augenwinkeln kleben, die Geister meiner blutleeren Vorfahren, die mich daran erinnerten, dass wir uns nur von Ort zu Ort bewegten, immer in festgelegten, geschlossenen Räumen. Mein Leben als Kammerspiel. Der Radius meiner Reichweite erstreckte sich noch nicht mal in den Rand meines Gesichtsfeldes. Ich war die letzten Stunden in diesem Ungetüm von Auto gesessen und hatte potentiell andere Menschen, Tiere gar gefährdet, aber ich war gleichzeitig so passiv wie ein die Befruchtung verpassendes Frühstücksei. Bodice hingegen war mehr wie eine Zecke, er konnte Jahre auf einem Baum sitzen und sich im passenden Moment auf sein Opfer und gegebenenfalls daneben stürzen. Er machte den Vorschlag, schwimmen zu gehen. Wir checkten ein und waren eine halbe Stunde später im Meer, wo wir mit den Quallen in Richtung der aufgehenden Sonne trieben. Ich stellte mir vor, wie ich mich selbst in die nächste Phase initiieren würde, wahrscheinlich in meine nächste reflektierte Lebenskrise schwappen und endlich das Wichtigste im Leben, das Formulieren eines adäquaten Ziels für die kommenden Jahre, in Angriff nehmen würde. Meine an epileptische Faulheit grenzende passive Haltung in allen Dingen könnte ich abwaschen wie den Staub der Fahrt und die Erinnerungen an die dunklen Unfälle, wie sie sich uns am Strassenrand immer wieder angeboten hatten, ich könnte sein, anstatt darüber nachzudenken. Ich würde Buddhist werden und Tibet oder Wale befreien, so zum Spass, weil meine innere Entwicklung so grossartig und weltumspannend wäre, dass es völlig egal ist, was ich eigentlich tue. Der Weg und das Ziel..., ihr wisst schon, Bodice würde in diesem Plan nur eine untergeordnete Rolle spielen, vielleicht als Inhalt von ein paar Plastiksäcken, die ich auf dem berühmten Parkplatz in den noch nicht recyclebaren Inhalt eines Mülleimers werfen würde.
Während ich also meinen Gedanken nachhing, im Takt der leichten Wellen schaukelnd und mich unglaublich leicht fühlte, hatte Bodice es sich im Sand bequem gemacht. Ich musste mich nicht zu ihm hindrehen, um zu wissen, dass er die Pilze essen würde, die wir zuvor an einem Parkplatz entdeckt hatten. Pilze liebten es, sich mit Abgas vollzusaugen und die Atmosphäre sauberzuhalten, so hatte ich es mal gelesen. Bodice sprang von seinem Baum und er sprang daneben. Ich hatte Probleme, ihn zurück ins Hotel zu kriegen. Als wir uns endlich wieder in sicheren Innenräumen befanden, bekam ich auf dem Klo, dem sichersten Ort schlechthin, einen Heulkrampf. Meine tiefen Meeresreflektionen hatten sich ausgezogen und mir ihren Arsch gezeigt. Alles war nur ein weiterer Trip gewesen, von Anfang an selbsttäuschend, eine eingeplante Illusion auf meine Kosten. Ich würde nie etwas auf die Reihe bringen, nicht mal einen kleinen ärmlichen Initiationsritus in die Midlifecrisis, denn wo würde ich anfangen?
Ich liebte es, mich in verschiedenen Situationen vorzustellen, mich in einem Bild von mir selbst zu suhlen, wo ich all das tat, was ich eigentlich nicht tat, aber tun sollte. Ich schaffte den Schritt nicht, es nach aussen durchzusetzen. Denn es stellte sich immer wieder die Frage, welche Realität war wichtiger? Die in meinem Kopf oder die in den Köpfen der anderen? Und gab es die überhaupt? Nicht für Bodice. Er stand nackt auf dem Balkon und imitierte Vogelstimmen. Keine Realität konnte neben der seinigen bestehen bleiben. Er war eindeutig der König seines Reiches. Und meistens auch von meinem. Die Halluzinationen wurden schlimmer. Ich hatte das Gefühl, dass meine Ahnen mir etwas erzählen wollten, aber ich war wie immer zu breit, geschlossen im wahrsten Sinne des Wortes, als dass sie es hätten schaffen können, zu mir durchzudringen. Denke nie darüber nach, wenn du was machen willst. Ich lag auf dem Bett und dachte und dachte und konnte meine Gedanken nicht abstellen, es war furchtbar. Ich dachte an Mircella, die trinken musste, um nur noch ungestört zweidimensional denken zu können.
Die Luft roch nach meinem verstorbenen Hund. Wahrscheinlich war ich es, der so stank. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, ob auch ich was von den Pilzen gegessen hatte, oder ob ich dieses Jahr schon Geburtstag gefeiert hatte, und wenn ja, was ich an Geschenken gekriegt hatte. Was hatte mir Mircella geschenkt? Was hatte ich von Bodice bekommen? Hatte ich die beiden im Bett erwischt? War das der Grund der Trennung? Ich dachte und dachte, und während sich die Gedanken leise aus meinem Gehirn in meinen Bauch abseilten und mir immer unwohler wurde, vergass ich gleichzeitig, um was es eigentlich ging, verlor den Faden eines jeden Gedanken, so als würden die neuralen Schaltungen selbst suizidalen Bergsteigern gleich das Seil hinter sich kappen auf ihrem Weg durch meinen vergifteten Körper. Ein innerer Satz fing an und verendete im Nichts. Ein leichter Druck auf die Zirbeldrüse, dieser schwere Druck auf der Brust und die Übelkeit im Magen - es würde keine einfache Nacht werden für mich und die Dunkelheit war noch so weit entfernt.
Der Arzt sah mich an wie mein Vater sonntagmorgens vor dem Politgespräch in der familiären Runde, an dem seltsamerweise immer nur er und ich teilnahmen. Der Arzt zeigte auf den Stuhl und sagte, 'eigentlich sollten Sie mit Dr. Hauser reden, er ist dafür zuständig, aber er ist heute nicht da. Also, wir haben da was gefunden. Setzen Sie sich.' Bilder, die immer wieder auftauchen, kurz vor dem Einschlafen, in dem nicht mehr abzustellenden Hamsterrad destruktiver Gedanken, dann kam das und das und dann passierte das. Und dann? Es lähmt mich, daran denken zu müssen, wie sehr es mich lähmt. Mircella kriegt einen Heulkrampf, aber sie denkt nicht an mich. Sie liegt nachts wach neben mir, Hände über ihrem Gesicht, ihr Körper ein angespannter Muskel, und zittert hörbar. Später erzählt sie mir, sie habe ihre Seele dem Teufel versprochen, wenn er sie gesund machte. Ich muss lachen, wenn ich daran denke. Mircella war schon immer der fünfzehnte Trumpf gewesen, und ich hatte mich endgültig selbst in Ketten geschlagen, als ich mit Bodice auf die Flucht ging, lange bevor wir abgehauen waren. Bodice hingegen schien im Vergleich zu uns frei, ein Narr, ein Magier, irgendwas esoterisch Obszönes, und doch war es ihm egal. Nicht, weil er nicht nachdachte, nicht weil ihn die Kreise des permanenten Denkens nicht erschlugen, sondern weil er so damit beschäftigt war, sich abzulenken, die Angst fernzuhalten, auf eine Armlänge mindestens, so dass sie ihn mit ausgefahrenen Nägeln und yogisch verlängerter Zunge nicht mehr erreichen konnte. Bodice dachte nicht mehr, was tue ich, um zu überleben. Humorige Ruine, die er war, ging er tagtäglich strammen Schrittes aufs Nirwana zu und versank auch schon mal auf dem Weg im Schlamm, bewusstlos. Die Grosse Hure plagte ihn, aber sie ritt auf meinem Rücken ins Paradies. Bodice und ich mussten zusammenbleiben, sie hatte uns zwischen ihre Schenkel geklemmt. Mircella war unterwegs rausgeflogen und direkt in die nächste Therapie geschwebt. Wir jedoch hingen in Italien und schnüffelten den Geist des grossen Tiberius.
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