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[in einem ähnlichen Zusammenhang habe ich gelesen, dass es besonders für Frauen schlimm ist, alt zu werden, weil Altwerden für Frauen negativ besetzt ist]
Ich habe zu Lorna gesagt, dass sie nicht so viel denken solle, weil ihr das nur Falten in die Stirn grabe. Und auch dass es einsam mache, das viele Nachdenken. Denn wer stets am grübeln sei, so habe ich zu Lorna gesagt, der befinde sich über den Bäumen. Vor einer blauen Wand, die nicht mitdenkt, da sie andere Dinge zu tun hat. Blau-Sein zum Beispiel. Und Über-Den-Bäumen-Sein. Genauso wie Lorna. Aber Lorna ist einsam.
Sie ist einsam, weil sie die Wand im Rücken und den Boden unter ihren Füssen hat. Weil sie stets am grübeln ist, und deshalb weder die Wand in ihrem Rücken, noch deren Blau-Sein spürt. Vielleicht kann sie etwas von dem Sog, der sie nach unten zieht, erfühlen. Vielleicht ist er es, der ihr diese vielen tiefen Falten in die Stirn gräbt.
Lorna bedauert mich, wenn ich solche Sachen zu ihr sage. Doch sie bedauert ohnehin sehr viel, und ich bin nur ein Objekt ihres Bedauerns. Aber Lorna sagt auch zu mir, dass sie mich gern habe. Manchmal, so sagt sie zu mir, unterbreche sie ihr Denken und schaue durch mein Fenster in das Zimmer hinein, in dem ich sitze. Sie interessiere sich für das, was ich tue, sagt Lorna. Aber eigentlich stimmt das nicht. Denn sie müsste hierzu wissen, dass die Wand in ihrem Rücken blau und das Haus, in dem ich sitze, mit 100 bunt beleuchteten Fenstern bestückt ist. Dass es dahinter auch wieder eine Wand gibt, die weit weg erscheint, weil dazischen eine Landschaft liegt. Sie müsste wissen, dass mir das Sterben der Landschaft und das blind machende Blau der Wand egal sein müssen. Dass ich über die Landschaft und gegen die Wand renne, sehr bewusst, wohl wissend, dass ich mich dabei verletze, und dass ich den Schmerz zu mir nach Hause trage - in einer Tasche aus weichem, flauschigem Tierfell, in mein Zimmer, in das Lorna von weit weg durch das Fenster hereinschaut.
Lorna sagt zu mir, dass sie es nicht gern sehe, wenn ich mit dem Kopf gegen die Wand laufe. Und sie schlägt mir vor, dass ich besser in meinem Zimmer bleiben solle, damit mir nichts zustosse. Damit sie zu mir hereinschauen kann, wann immer sie will.
Aber Lorna weiss nicht, dass ich, nachdem ich die Landschaft hinter mir gelassen habe, sehr bewusst und sehr laut schreiend gegen die Wand laufe. Sie kann es nicht wissen, denn sie schaut von weit, weit weg durch ein Fenster in meine Welt hinein. Lorna weiss überhaupt sehr wenig. Deshalb grübelt sie so viel vor sich hin.
Wenn ich mit dem Schmerz in meiner Tasche nach Hause komme, dann koche ich mir immer einen Tee daraus, den ich, Lorna dabei zuprostend, am Fenster sitzend trinke. Er schmeckt ein bisschen nach Verwesung. Nach Unrat, nach Hundescheisse, nach Vergorenem, nach nasser Pappe, nach einer Wand, die man im Rücken hat. Den Tee, mit dem ich, lächelnd vor Lornas Fenster sitzend, Lorna zuproste, schmeckt nach einem grünen Arm, der sich verführerisch um Lorna legt. Lorna weiss immer alles besser. Lorna macht mich rasend.
Manchmal weiss auch ich nicht mehr weiter. Dann schaue ich durch meine Beine hindurch. Mein dicker Bauch hängt über mir und verwehrt mir die Sicht auf Lorna. Er krächzt ein Lied. Für mich. Für Lorna. Es ist ein Lied, das überhaupt nicht klingen will, weil sich in dieser Stellung die Zwerchfellatmung nicht betreiben lässt. Weil mir das Blut in den Kopf schiesst, weil mir schwindelt und schlecht wird. Krieg ist über meinem dicken Bauch und ballert in das, wofür wir uns beide, Lorna und ich, auf unterschiedliche Art und Weise, verantwortlich fühlen.
Lorna ist diejenige, die spricht. Und ich bin, die, die aus dem Wort, das Lorna spricht, ein Haus häkelt. Ein Haus mit 100 bunt beleuchteten Fenstern. Damit Lorna beim Betrachten des Hauses vergisst, ohne sich dabei anstrengen zu müssen. Damit sie vergisst, ohne dabei ständig an den Akt des Vergessens denken zu müssen.
Ich kümmere mich um Lorna. Immer wieder prüfe ich von aussen das Haus, das ich so hübsch für Lorna gehäkelt habe. Mir fällt dabei die graue Schnur auf, aus der ich das Haus geschaffen habe. Ich muss mich beim Betrachten des Hauses sehr anstrengen, damit es bunt für Lorna leuchtet. Der faulige Geschmack des Tees in meinem Mund, den ich niemals loswerde, stört mich dann, wenn ich ihn loszuwerden versuche. Der grüne Arm stört mich dann, wenn ich versuche, ihn in den Geschmack des Tees hineinzumischen. Der grüne Arm verführt mich nicht. Der grüne Arm schmeckt nach einer Wand mit einer Ritze darin.
Lorna meint, dass das mit den Falten nicht am Denken liege, sondern daran, dass sie zu viel Zeit zum Denken habe. Früher, so glaubt Lorna, sei das anders gewesen. Da pflanzte sie mit der Zeit einen Wald. Und jeden Tag sei sie im Wald umhergelaufen und habe dabei nach und nach an jeden Ast eine Perle und an jeden Stamm ein Photo von sich geheftet. Das sei sehr schön gewesen. Sagt Lorna. Aber dann - plötzlich? - war die Wand da. Und alle Perlen sind von den Ästen gefallen. Und alle Photos hätten zu bluten begonnen. Und alle Bäume hätten ihre eigenen Photos an die Stämme geheftet. Einfach über ihre Photos drüber. Über das klebrige Blut ihrer eigenen Bilder. Ganz schnell sei das gegangen.
Mit Lorna ist es ganz schnell gegangen. |
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