Schönheit, Krankheit          
    Sarah
'Tut mir leid, Süsser: Mädelabend!'. Kichernd und mit erheblichem Augengeklimper lässt Sarah den Hörer auf die Gabel fallen. Mädelabend. Wir nennen uns tatsächlich Mädels, dabei haben wir alle unsere besseren Tage schon gesehen. Die Jahre ziehen in letzter Zeit mit einem unglaublichen Tempo ins Land, man wird schliesslich nicht jünger. Aber um Zeit messen zu können, müsste sie doch notwendigerweise in geregeltem Tempo verlaufen. Was sie nicht tut, denn die Zeit kommt einem manchmal unterschiedlich lang vor. So als sitze man in einem fahrenden Zug und sehe nach draussen, auf Autos und Menschen. Und an einem solchen Abend wie diesem ist es, als würde die Welt draussen stillstehen und wir sässen in einer zeitlosen Hülle in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft würde verschmelzen und uns erschiene alles möglich. Ein Zustand, den die Bezeichnung 'Mädelabend' zugegebenermassen nur unzureichend umschreibt.

Das mit dem 'Süssen' ist übrigens auch so eine Sache: wir wissen schliesslich alle, dass Theo viel mehr Ähnlichkeit mit einem übergewichtigen Versicherungsvertreter hat, als mit dem Bravo-Boy des Jahres. Dabei sah Sarah gar nicht mal schlecht aus, früher. Und als Assistentin eines steinreichen Musikagenten in den späten Achzigern konnte sie sich wirklich nicht beklagen. Nur leider hatte Sarah sich dann in den Sänger einer Rockband verliebt. Danny oder auch 'Snake Eyes' oder wie auch immer. Jedenfalls ein ausnehmend hübscher Bursche, kaum Mitte zwanzig und schon am Ende dank eines schlimmen Problems mit Alkohol und sämtlichen anderen Drogen, die er in die Finger bekommmen konnte. Obwohl ich, wie natürlich auch alle anderen, die noch alle Tassen im Schrank hatten, Sarah davon dringend abgeraten hatte, nahm sie diesem Danny oder 'Snake Eyes' oder wie auch immer, bei sich auf. Sie hatte nämlich damals diese wahsinnig coole Wohnung, komplett mit Vorhängen aus bunten Glasperlen, indischen Sitzkissen, Wasserpfeife und Wasserbett. Sie hatte das alles und sah, wie gesagt, zudem noch nicht einmal schlecht aus und trotzdem drehte sich in ihrem bekifften Hirn eine Schraube locker und sie dachte wohl auf einmal sie sei jetzt nicht mehr Sarah, sondern Inge Meysel oder Mutter Theresa.

Sie holte also dieses nutzlose Stück Scheisse, von dem sie wohl annahm, es sei etwas besonderes, weil es ausserdem noch ein hübsches Stück Scheisse war, sie holte also diesen Danny oder 'Snake Eyes' oder wie auch immer aus der Gosse, die sich an diesem Abend in Kreuzberg befand.

Nachdem sie ihn einigermassen wieder hochgepäppelt hatte, dachte Danny-Boy natürlich gar nicht daran, jemals wieder zu verschwinden. Er suhlte sich in den seidenen Kissen, machte Brandlöcher ins gute Parkett und zeigte ausschliesslich Interesse, wenn es um Drogen oder Rockvideos im Fernsehen ging. Und Sarah sah schon sehr bald nicht mehr so gut aus: sie eignete sich den plumpen, nach vorne gebeugten Gang und die nach unten gezogenen Mundwinkel einer schlechtgefickten Hausfrau an, bekam dicke Hüften von Rotwein und Schokolade und geschwollene Augen von der ganzen Heulerei.

Irgerndwann kam's dann so, wie's kommen musste. Und ich kann nur sagen, dass das für mich und alle anderen, die diese Geschichte wirklich keinen Tag länger mitansehen wollten, eine Erlösung war: Sarah hatte wegen dem ganzen Ärger mit diesem Danny oder 'Snake Eyes' oder wie auch immer ihre Pflichten in der Agentur ein bisschen vernachlässigt und hatte ein oder zwei wichtige Termine vermasselt. Auf jeden Fall platzte ihrem Boss an diesem Tag der Kragen und er machte die arme Sarah, die gar nicht mehr so gut aussah, vor versammelter Mannschaft zur Sau, Heulkrampf inklusive. Als Sarah, die noch einen Rest Stolz in sich hatte, nun schnurstracks zu Bank stiefelte, um ihrem demolierten Selbstwertgefühl mit einem Leopardenfellmantel oder mit einem Paar Schlangenlederstiefel zu schmeicheln, wurde sie von einem diskret hüstelnden Angestellten ins Büro des Direktors geführt, der ihr eröffnete sie sei mit über 40.000 in den Miesen. Vielleicht waren's auch 400.000, so genau weiss ich das nicht mehr. Ich habe ihr danach natürlich gleich gesagt: Sarah, habe ich gesagt, weisst du denn nicht, das man einem hübschen Jungen nicht einfach so eine Kreditkarte gibt?

Als Sarah, die also jetzt weder Arbeit noch Geld hatte, an diesem Nachmittag zu ungewohnter Zeit in ihre Wohnung kam, sah sie, wie ihr hübscher Danny-Boy die junge polnische Putzfrau in der Küche von hinten vögelte, während er ihren Kopf in das mit schmutziger Seifenlauge gefüllte Spülbecken drückte.

Das hat der guten Sarah dann irgendwie den Rest gegeben und wir haben sie alle eine Zeit lang nicht mehr gesehen.

Diesen Burschen Danny oder 'Snake Eyes' oder wie auch immer hat sie jedenfalls rausgeschmissen und das Letzte, was man von ihm gesehen hat, war wie er im Luxusschlitten von irgend so einem stinkreichen Schwulen gesessen ist und hinten aus dem Heckfenster rauswinkte. Auf Wiedersehen, 'Snake Eyes'!

Sarah hat dann wohl eine Zeitlang ziemlich schlimm gesoffen und ist nach allem, was man so gehört hat, beinahe verreckt, hat sich aber dann wieder aufgerappelt. Vor ein paar Monaten lernte sie dann eben diesen Theo kennen und hat jetzt die unbedingte Absicht, diesen zu ehelichen. Wegen ihrer Bankschulden versteht sich, sie hat nur noch nicht den richtigen Zeitpunkt gefunden, ihrem Theo davon zu erzählen, lange kann das aber nicht mehr dauern.

Sarah hat also einen, den sie behalten will und Gina, die die Hübscheste von uns allen ist, hat einen, den sie gerne loswerden will, wegen einem anderen. Lena hat einen so lala und Franzi und ich haben gar keinen, das ist unser Problem. Wir reden also über Männer, kommen so langsam in Fahrt und es ist fast so, als sässen wir gar nicht in Berlin und als wären dies gar nicht die Neunziger Jahre sondern vielmehr die Sechziger Jahre in New York oder die Dreissiger in Paris oder irgend so etwas. Oder als sässen wir in irgendeiner Höhle und draussen liefen Tyrannosaurusse oder Brontosaurusse oder so herum. Oder auf einer blühenden Lichtung mit Bambi und seiner Mutter und Lady Di und Madonna und Courtney Love und vielleicht noch Patti Smith.

Gina
Eine ist immer die Hübscheste von allen. Das muss so sein. Niemals stehen etwa mehrere zur Auswahl und es gibt auch keine unterschiedlichen Meinungen auf diesem Gebiet. Von uns ist Gina eindeutig die Hübscheste. Sarah ist mittlerweile echt die Hässlichste, weswegen sie sich auch bei Theo mächtig ins Zeug legen muss und Lena, Franzi und ich teilen uns die mittleren Plätze.

Gina ist wirklich eine Hübsche: Alles an ihr schmiegt sich auf so gänzlich unspektakuläre Art aneinander, das man gar nicht anders kann, als sie immerfort anzustarren. Das ist in etwa so für die Augen, wie für den Laserkopf des CD-Spielers, wenn man eine Reinigungs CD laufen lässt. Keinerlei Anspruch, null Information, nur Ruhe und Frieden. Männer sind natürlicherweise ganz wild darauf, ihre Augen und sonstigen Körperteile an Gina auszuruhen. Deshalb hat sie auch immer genügend Auswahl. Schon in der Schulzeit war das so, das ständig picklige Jünglinge mit langem Fetthaar in glühend heisser Liebe zu ihr entbrannten. Aber Gina, die es von Kindheit an nicht anders gewöhnt ist, als dass ihr dank ihres bewundernswerten Ebenmasses die Symphatien zufliegen, war das Konzept der romantischen Liebe fremd. So starrte sie alle nur mit ihren Reinigungs- und Leerlaufaugen an und brachte Einige damit fast um den Verstand. Ein Junge, der mit lässig offenem Hemd einmal fast zwei Stunden vor ihrer Haustür auf Gina gewartet hatte, zog sich sogar eine schwere Grippe zu und musste eine Woche lang Penicillin nehmen.

Und da Gina neugierig war, hatte sie bald raus, wozu Jungs gut sind und stieg von Bravo-Level zu Cosmopolitan-Niveau auf. Und wir, ihre dicken, langweiligen Freundinnen, konnten sehen, wo wir blieben. Gina machte sich einen Spass daraus, dass sie jeden haben konnte, und da sie gänzlich leidenschaftslos war, nahm sie immer den, den eine andere haben wollte.

Erbarmungslos quetschte sie uns aus und starrte, während wir uns vor Scham wanden und schliesslich zugaben, das wir den einen, Toni oder Florian oder Andreas, ganz süss fänden, mit ihren ausdrucklosen Augen in ihrem leeren, hübschen Gesicht in uns hinein.

Am nächsten Tag konnten wir sicher sein, dass sie dem unbeholfenen Knilch Toni oder Florian oder Andreas ein extra Lächeln schenkte. Und bis zum Ende der Woche war der arme Kerl ihr dann gänzlich verfallen, und sie knutschten vielleicht ein- oder zweimal bei den Fahrradständern, bis Gina sich dem nächsten zuwandte.

Wir kriegten höchstens später, bei der nächsten Schieba-Party oder Klassenfete einmal eine Chance und wärend Toni oder Florian oder Andreas dann über uns keuchte und uns die Zunge ins Ohr steckte, wussten wir das er nur gebrauchte Ware war und wir nur zweite Wahl.

So eine Nummer wie Sarah mit diesem 'Snake Eyes' hätte Gina jedenfalls nie gebracht, eher schon lief das umgekehrt. Nur leider werden aus Jungs Männer und Männer wollen das, was sie haben, nicht gerne hergeben, was wiederum blöd ist für Gina. Schwerkraft, Alkohol und Drogen fordern schliesslich ihren Zoll. Zudem hat sie eben nie gelernt wie man sich anzieht, ohne das Schenkel und Brüste raushängen. Bei einer Frau von immerhin fast Dreissig kommt das nicht mehr so gut. Gerade hat sie sich wieder in eine neue Affäre gestürzt, mit einem verheirateten Gastronom von Mitte Fünfzig. Ihm zuliebe will sie einen hübschen aber leider völlig mittellosen Architekten aufgeben, in dessen Fabriketage sie es sich die letzten Monate gemütlich gemacht hatte. Gina lässt es sich nun einmal nicht ausreden, dass der Gastronom ihr eventuell eine gemütliche kleine Wohnung, Zweizimmer Altbau mit Zentralheizung versteht sich, ermöglichen wird.

Möglich wäre aber auch, dass ein kleines Vögelchen geflogen kommt, sich auf den Tisch neben den Aschenbecher setzt und Gina zwitschert, dass der Gastronom gerade in diesem Moment die intime Bekanntschaft einer Journalistin macht, die sich noch auf der sicheren Seite der 25 befindet. Und so kann es dann kommen, dass Ginas Wohnung,die sie gerade, stillos wie sie nunmal ist, gedanklich mit Phillip-Starck-Möbeln vollgestellt hat, zerplatzt und dabei ganz leise 'plopp!' macht, so leise, dass Gina, die nicht besonders sensibel ist, es ga rnicht hört.

Und so vergeht die Zeit an manchen Orten unterschiedlich schnell und wir trinken und rauchen weiter in unserer kleinen Zeithülle und unsere Zukunft liegt vor uns wie ein roter Teppich vor einer Stretchlimousine mit abgedunkelten Scheiben in Hollywood.